Und Innovationsführer wiederum setzen selbst neue Standards. Entscheidend ist, dass bei allen neuen IT-Lösungen für die öffentliche Verwaltung zentrale Elemente wie Datenformate und Schnittstellen öffentlich einsehbar und zugänglich sind. Damit geht für mich Digitale Souveränität einher – sie bedeutet die Freiheit zur Gestaltung von IT-Systemen und vor allem die Freiheit zum Wechsel.
Egal, ob ein Worst-Case-Szenario in Form eines Vendor Lock-In ansteht oder man nur den Markt sondiert und ein interessantes Produkt entdeckt, das besser zu den Anforderungen passt als das bisherige: Ohne Standards wäre ein Wechsel kaum möglich. Standards sind daher kein Hindernis für individuelle, flexible Lösungen vor Ort, sondern ihre unverzichtbare Grundlage. Sie schaffen den Rahmen für funktionierenden Wettbewerb, der wiederum ein vielfältiges Angebot an Lösungen ermöglicht, die untereinander kompatibel sind.
Mit dem Thema IT-Standardisierung in der öffentlichen Verwaltung beschäftigen sich einige Gremien in unterschiedlichen Konstellationen. Wie sehen Sie die Zusammenarbeit?
Thomas Jarzombek: Mein Eindruck ist, dass die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern gut und sehr pragmatisch läuft, da alle vor ähnlichen Herausforderungen stehen – etwa fehlende Ende-zu-Ende-Workflows oder Lock-in-Effekte durch ungünstige Entscheidungen aus der Vergangenheit. Aufgrund dieser Erfahrungen sind alle bereit, neue Wege zu beschreiten und gemeinsam mit der FITKO verfolgen wir eine lösungsorientierte Herangehensweise. Wichtig ist, dass die Gremien nicht zu akademisch agieren. Wer zu lange diskutiert, bis ein perfekter Standard definiert ist, der blockiert die Entwicklung. Flexibilität ist hier entscheidend. Beim Deutschland-Stack haben wir beispielsweise einen guten Ansatz gefunden, um in die Legacy-Landschaft der Verwaltung Struktur zu bringen.
Sollte man stärker in die bestehende IT-Landschaft eingreifen, um schneller eine flächendeckende Standardisierung zu erreichen?
Thomas Jarzombek: Diese Frage müssen wir uns tatsächlich immer wieder stellen und überlegen, was hier realistisch ist. Ich denke, wir brauchen einen Mittelweg: Standardisierung vorantreiben und gleichzeitig Bestandslösungen prüfen, ohne sie alle sofort entsorgen zu wollen. Für zentrale Funktionen müssen Standards gelten, um Parallelentwicklungen zu vermeiden. In diesem Zusammenhang steht auch die Frage, ob man Lösungen kauft oder selbst baut. Es macht wenig Sinn, dass jedes Bundesland eigene Lösungen für zentrale Probleme entwickelt.
Sie haben den Deutschland-Stack angesprochen: Ist er aus Ihrer Sicht ein Best-Practice-Beispiel dafür, wie Standardisierung in der Praxis funktionieren sollte?
Thomas Jarzombek: Letztendlich bewegt sich der Deutschland-Stack auf einer relativ hohen Ebene, auf der Standards für zentrale Funktionen wie Bezahlungen oder Identitätsprüfungen geschaffen werden. Hier Mehrfachentwicklungen zu betreiben, wäre ineffizient. Interoperable Systeme, offen einsehbare Standards, Datenformate und Schnittstellen sind notwendig, um aus dem Vendor Lock-in herauszukommen – auf kommunaler, Länder- und Bundesebene. Der Deutschland-Stack bietet für solche Fälle eine oder zwei Standardlösungen an – mehr sind nicht nötig. Das spart allen Beteiligten viel Geld.
Schließt der Deutschland-Stack Lücken, die das Onlinezugangsgesetz hinterlassen hat?
Thomas Jarzombek: Wie der Name schon sagt, ging es beim OZG in erster Linie um die Zugangsebene, nicht aber um die Workflows. Die ursprüngliche Idee war, dass jede Verwaltungseinheit die Daten, sobald sie elektronisch eingereicht werden, ohne Medienbrüche digital weiterverarbeiten würde. Diese Annahme hat sich jedoch als unrealistisch herausgestellt, da im Backend nach wie vor viele Medienbrüche bestehen.