Porträt von Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung.

Freiheit durch Standards

Das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) treibt in den Gremien die föderale IT-Standardisierung mit voran. Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär im BMDS, spricht im Interview über Standards, Vielfalt und Flexibilität, die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern und über den Deutschland-Stack.

Herr Jarzombek, Standardisierung klingt für viele Menschen nach Zwangsjacke und Langeweile. Warum ist das Thema – auch in der IT – in Wahrheit ein wichtiger Dauerbrenner?

Thomas Jarzombek: Standardisierung ist ein zentraler Erfolgsfaktor: Sie sichert hohe Qualität, ermöglicht Vergleichbarkeit und stärkt den Wettbewerb zwischen Anbietern. In der IT wird das am Beispiel Internet deutlich: Ohne einheitliche Standards wie das Internet Protocol (IP) oder das Transmission Control Protocol (TCP) würde das World Wide Web nicht funktionieren. Es gäbe keinen Datenverkehr, keinen E-Mail-Versand, und keine Webseiten könnten aufgerufen werden. Das gesamte Internet basiert ausschließlich auf solchen Standards. Und in der Verwaltungs-IT stehen wir seit Jahren vor Herausforderungen, die aus dem Einsatz vieler proprietärer Lösungen entstehen, die keinen einheitlichen Standards folgen.

Gegner von harten IT-Standards argumentieren oft, dass darunter die Flexibilität und individuelle Lösungen leiden. Wo müssen wir in der Verwaltung radikal standardisieren – und wo sollten wir uns bewusst Vielfalt erlauben?

Thomas Jarzombek: 

Ich glaube nicht, dass sich Standards und Vielfalt in irgendeiner Weise widersprechen. Im Gegenteil: Standards sind ein wesentlicher Treiber für Innovation, weil sie Wettbewerb ermöglichen.

Und Innovationsführer wiederum setzen selbst neue Standards. Entscheidend ist, dass bei allen neuen IT-Lösungen für die öffentliche Verwaltung zentrale Elemente wie Datenformate und Schnittstellen öffentlich einsehbar und zugänglich sind. Damit geht für mich Digitale Souveränität einher – sie bedeutet die Freiheit zur Gestaltung von IT-Systemen und vor allem die Freiheit zum Wechsel.

Egal, ob ein Worst-Case-Szenario in Form eines Vendor Lock-In ansteht oder man nur den Markt sondiert und ein interessantes Produkt entdeckt, das besser zu den Anforderungen passt als das bisherige: Ohne Standards wäre ein Wechsel kaum möglich. Standards sind daher kein Hindernis für individuelle, flexible Lösungen vor Ort, sondern ihre unverzichtbare Grundlage. Sie schaffen den Rahmen für funktionierenden Wettbewerb, der wiederum ein vielfältiges Angebot an Lösungen ermöglicht, die untereinander kompatibel sind.

Mit dem Thema IT-Standardisierung in der öffentlichen Verwaltung beschäftigen sich einige Gremien in unterschiedlichen Konstellationen. Wie sehen Sie die Zusammenarbeit? 

Thomas Jarzombek: Mein Eindruck ist, dass die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern gut und sehr pragmatisch läuft, da alle vor ähnlichen Herausforderungen stehen – etwa fehlende Ende-zu-Ende-Workflows oder Lock-in-Effekte durch ungünstige Entscheidungen aus der Vergangenheit. Aufgrund dieser Erfahrungen sind alle bereit, neue Wege zu beschreiten und gemeinsam mit der FITKO verfolgen wir eine lösungsorientierte Herangehensweise. Wichtig ist, dass die Gremien nicht zu akademisch agieren. Wer zu lange diskutiert, bis ein perfekter Standard definiert ist, der blockiert die Entwicklung. Flexibilität ist hier entscheidend. Beim Deutschland-Stack haben wir beispielsweise einen guten Ansatz gefunden, um in die Legacy-Landschaft der Verwaltung Struktur zu bringen. 

Sollte man stärker in die bestehende IT-Landschaft eingreifen, um schneller eine flächendeckende Standardisierung zu erreichen?

Thomas Jarzombek: Diese Frage müssen wir uns tatsächlich immer wieder stellen und überlegen, was hier realistisch ist. Ich denke, wir brauchen einen Mittelweg: Standardisierung vorantreiben und gleichzeitig Bestandslösungen prüfen, ohne sie alle sofort entsorgen zu wollen. Für zentrale Funktionen müssen Standards gelten, um Parallelentwicklungen zu vermeiden. In diesem Zusammenhang steht auch die Frage, ob man Lösungen kauft oder selbst baut. Es macht wenig Sinn, dass jedes Bundesland eigene Lösungen für zentrale Probleme entwickelt. 

Sie haben den Deutschland-Stack angesprochen: Ist er aus Ihrer Sicht ein Best-Practice-Beispiel dafür, wie Standardisierung in der Praxis funktionieren sollte?

Thomas Jarzombek: Letztendlich bewegt sich der Deutschland-Stack auf einer relativ hohen Ebene, auf der Standards für zentrale Funktionen wie Bezahlungen oder Identitätsprüfungen geschaffen werden. Hier Mehrfachentwicklungen zu betreiben, wäre ineffizient. Interoperable Systeme, offen einsehbare Standards, Datenformate und Schnittstellen sind notwendig, um aus dem Vendor Lock-in herauszukommen – auf kommunaler, Länder- und Bundesebene. Der Deutschland-Stack bietet für solche Fälle eine oder zwei Standardlösungen an – mehr sind nicht nötig. Das spart allen Beteiligten viel Geld.

Schließt der Deutschland-Stack Lücken, die das Onlinezugangsgesetz hinterlassen hat?

Thomas Jarzombek: Wie der Name schon sagt, ging es beim OZG in erster Linie um die Zugangsebene, nicht aber um die Workflows. Die ursprüngliche Idee war, dass jede Verwaltungseinheit die Daten, sobald sie elektronisch eingereicht werden, ohne Medienbrüche digital weiterverarbeiten würde. Diese Annahme hat sich jedoch als unrealistisch herausgestellt, da im Backend nach wie vor viele Medienbrüche bestehen.
 

Der Deutschland-Stack geht hier einen Schritt weiter: Er befasst sich mit der Workflow-Ebene, also den Komponenten, die die Daten tatsächlich verarbeiten.

Diese technische Ebene ist für Bürgerinnen und Bürger in der Regel nicht sichtbar. Dennoch ist sie entscheidend. Insgesamt stellt der Deutschland-Stack eine logische Weiterentwicklung dar, die die bisherigen Ansätze ergänzt und die bestehende IT-Landschaft gezielt weiterentwickelt.

Eine Weiterentwicklung der IT-Landschaft ist gut – aber wie sieht die Interoperabilität zwischen den Behörden in der Realität aus?

Thomas Jarzombek: Unser Ziel ist klar: Interoperabilität in der gesamten Verwaltung. Alle Beteiligten – egal ob Bund, Länder oder Kommunen – müssen sich an die getroffenen Vereinbarungen halten. Das ist unverzichtbar. Und eine Grundregel gilt immer ohne Ausnahme: Es dürfen ausschließlich IT-Lösungen umgesetzt werden, die auf offenen Schnittstellen und offenen Datenstandards basieren.

Wo stehen wir heute bei der IT-Standardisierung?

Thomas Jarzombek: Sehr viele Leute haben sich auf den Weg gemacht und arbeiten mit Hochdruck an der Umsetzung. Das Problem, das jede große Organisation kennt, ist der Umfang alter Legacy-Software. Ein kompletter Neubau aller Lösungen wäre extrem aufwendig, oft unwirtschaftlich und es ist nicht leicht zu definieren, wo man überhaupt anfangen soll.

Beim Deutschland-Stack beginnen wir mit zentralen Komponenten und betrachten dabei die Nutzerseite. Wichtig ist eine durchgehende Funktionalität in den Lösungen auf allen Verwaltungsebenen, damit Prozesse automatisiert ablaufen. Das heißt nicht, dass jede Bestandslösung sofort geändert werden muss. Das KI-Zeitalter bringt neue Herausforderungen, etwa bei der Sicherheit. Wir konzentrieren uns auf bestimmte Projekte und machen diese Ende-zu-Ende digital – das ist auch ein wichtiges Signal an die Bürgerinnen und Bürger.

Welcher zentrale IT-Standard, der aktuell ausgerollt wird, ist für Sie ein Gamechanger für die digitale Souveränität unseres Staates?

Thomas Jarzombek: Der eigentliche Gamechanger für die digitale Souveränität ist schlicht die Existenz von Standards. Die aktuellen Probleme in der Verwaltung resultieren aus der Tatsache, dass in der Vergangenheit zu viele Lösungen ohne einheitliche Standards und Schnittstellen implementiert wurden.

Wenn ich von digitaler Souveränität spreche, meine ich damit vor allem: Freiheit. Freiheit, mein System ungestört und ohne externe Einflüsse zu betreiben. Freiheit, mein System nach meinen Bedürfnissen zu gestalten. Und vor allem: Freiheit, den Anbieter wechseln zu können, wenn ich das möchte.

Daher würde ich dem Thema nicht gerecht werden, wenn ich einzelne Standards besonders hervorhebe.

Ein Blick in die Glaskugel: Über welche aktuellen Probleme im Kontext IT-Standardisierung werden wir in fünf Jahren hoffentlich nur noch müde lächeln?

Thomas Jarzombek: Ich bin überzeugt, dass die KI-Welt die öffentliche Verwaltung vollständig revolutionieren wird – vorausgesetzt, wir gehen es richtig an und strukturieren unsere Organisationen neu.

Das BMDS hat etwa den Agentic AI Hub als zentrale Schnittstelle zwischen Verwaltung und KI-Start-ups eingeführt. Hier werden bürokratische Probleme schnell in technische Prototypen übersetzt, sicher pilotiert und skaliert. Und hier erleben wir, wie Start-ups innerhalb weniger Wochen Lösungen für Probleme entwickelt haben, die teilweise seit Jahrzehnten ungelöst waren. Mit KI können wir neue Softwarekomponenten mit Leichtigkeit erstellen und nahtlos in bestehende Workflows integrieren. Damit lassen sich auch langjährige Standard- und Schnittstellenprobleme lösen. Daher bin ich in dieser Hinsicht sehr optimistisch.

Start-ups haben oft mehr Spielraum bei der Entwicklung neuer Lösungen – sehen Sie auch Chancen für die Verwaltung, IT-Lösungen zügiger umzusetzen?

Thomas Jarzombek: Absolut! Ich bin ein Gegner von Mikromanagement – das ist eines der größten Probleme in der öffentlichen Verwaltung. Überall im öffentlichen Sektor treffe ich engagierte Menschen, die gute Lösungen entwickeln und umsetzen wollen, aber durch starre Vorgaben blockiert werden. Wir arbeiten daran, im Rahmen der Entbürokratisierung mehr Spielraum zu schaffen – beispielsweise im Bereich der Beschaffungen und Ausschreibungen.

Ich sehe übrigens staatliche IT-Dienstleister wie die HZD und Start-ups nicht als Konkurrenten: Die IT-Dienstleister der öffentlichen Verwaltung wissen genau, wie man Lösungen entwickelt und erfolgreich bei Ländern und Kommunen einführen kann. Aus diesem Grund betrachte ich die öffentlichen IT-Dienstleister als diejenigen, die Start-ups in konkrete Projekte einbinden und ihnen den Zugang zur Verwaltung ebnen. Das ist kein Konkurrenzverhältnis, sondern ein Partnermodell mit großem Potenzial:

Startups bringen frische Ideen und innovative Ansätze ein, während die etablierten IT-Dienstleister das notwendige Know-how und die Infrastruktur mitbringen, um diese Ideen als Standard in der Praxis umzusetzen.

Thomas Jarzombek

kurz und knapp

irgendwas zu bauen.

ich Computer – mein Hobby neben der Politik – zum Beruf machen wollte.

sind alle elektronischen Geräte und mein Fahrrad.

gehe ich joggen.

ist das WWW.