Last SiM - Interview mit Larissa Vassilian alias Annik Rubens

Am 19.3.2015 verkündete Larissa Vassilian - vielen besser bekannt unter dem Pseudonym Annik Rubens - auf ihrem Blog "Schlaflos in München" (SiM) und auf Twitter das Ende ihres gleichnamigen Podcasts. Seit zehn Jahren hat die Journalistin darin über alles gesprochen, was ihr so durch den Kopf ging. Durch ihre frische Art und ihre sympathische Stimme wurde sie zu einer Vorreiterin der deutschen Podcast-"Szene".

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Larissa Vassilian alias Annik Rubens
Larissa Vassilian alias Annik Rubens

Im folgenden Interview berichtet sie über ihre Erfahrungen mit SiM und über die Entwicklung des Podcastens in den vergangenen zehn Jahren.

 

Web-Lounge (w.l.): Was hat Dich vor zehn Jahren bewogen mit dem podcasten anzufangen? Woher kanntest Du das Thema? Wie hast Du angefangen? Und welches "Ziel" hattest Du, als Du SiM gestartet hast?

Larissa Vassilian (l.v.): Ich hatte meinen Job verloren und plötzlich viel Zeit. Da suchte ich im Internet nach meinen alten Lieblings-Radiomoderatoren - und fand stattdessen Adam Curry. Zwei Wochen hörte ich seinen täglichen Podcasts zu, dann wollte ich es selber probieren. Ich habe erstmal alles zusammengekramt, was ich an Technik hatte. Einen alten MiniDisc-Player zum Beispiel und dann lieh ich mir ein Mikrofon eines Freundes aus, der beim Radio arbeitete. Und los ging's. Mein "Ziel" war schlicht und einfach, die Technik zu verstehen. Es zu schaffen, ohne Ü-Wagen vor der Tür in die ganze Welt raus zu "senden". Das fand ich unglaublich faszinierend.

(w.l.) Die verwendete Technik hast Du ja dann im Laufe der Jahre immer mal wieder variiert. In der letzten SiM-Folge #673 sprichst Du aber auch verschiedene Phasen des Podcastens an. Wie hat sich Dein Umgang mit dem Podcast und mit dem Podcasten im Laufe der Zeit verändert?

(l.v.) Genauso wie sich jeder Mensch in 10 Jahren verändert. Zwischen Mitte 20 und Mitte 30 ist ein großer Unterschied. Ich habe mich verändert, und der Podcast hat sich mit mir entwickelt. Mal wollte ich kurz und knapp täglich podcasten, dann wollte ich ein 45-Minuten-Magazin machen, geskripted und mit Interviews und richtig journalistisch aufgezogen. Dann hatte ich wieder gar keine Lust mehr und ließ wochen- oder monatelang nichts von mir hören... Das ganz normale Chaos eben.

(w.l.) Gibt es bestimmte Podcasts, die Du selber früher gehört hast - und was hörst Du heute?

(l.v.) Ich habe früher Adam Curry gehört, den Pionier des Podcastings. Dann viel Privates, wie die "Chicks on Tour", "MacManiac" oder die "Couchpotatoes". Heute höre ich viel öffentlich-rechtliche Zweitverwertung, "Mark Kermodes Film Reviews" von der BBC, SWR1 Leute zum Beispiel. Aber auch weiterhin private Podcast wie die "Mikrodilettanten" oder "Nettes Frettchen". Und natürlich die Amis - "WNYC Radiolab" ist eine großartige Wissenschaftssendung. Kurz gesagt: ich höre ständig. Und viel. Ich habe ungefähr 60 Podcasts abonniert.

(w.l.) Öffentlich-rechtlich produzierte Beiträge haben in der Podcast-Landschaft einen festen Platz eingenommen. Überhaupt scheint es beim Podcasten wie auch bei anderen (sozialen) Medien einen Trend hin zur Professionalisierung zu geben. Das Umfangreiche Angebot von "Radio on Demand" kann ein Anzeichen davon sein. Video-Studios, die You-Tuber mieten können, ein anderes. Der Anspruch der Konsumenten an die Qualität der Produktionen scheint zu steigen. Auch Du hattest zeitweise den Wunsch, SiM als "richtiges Magazin" professioneller zu gestalten. Wie hat sich das Podcasten (in Deutschland) insgesamt in den vergangenen zehn Jahren verändert?

(l.v.) Zum einen gab es anfangs natürlich nur Audio und kein Video - und auch die Audios waren recht kurz. Das hatte schlichtweg damit zu tun, dass wir alles durch ISDN-Leitungen schubsen mussten und DSL oder gar Flatrates gar nicht verbreitet waren. Heute gibt es viele private Podcasts, die 3-4 Stunden lang sind. Das ist neu.

(w.l.) Sind die Phasen, die Du mit SiM durchlaufen hast, typisch für diese Entwicklung?

(l.v.) Nein. Meine Phasen waren meine persönlichen Phasen. Für mich muss so ein Projekt sich immer neu erfinden, um für mich spannend zu bleiben. Sonst verliere ich die Lust. Ich habe SiM nur 10 Jahre lang gemacht, weil ich es immer wieder auf neue Beine gestellt habe. Dazu gehörte auch, dass ich in letzter Zeit oft mobil aus dem Auto heraus gefunkt habe - oder eine Zeit lang Live-SiM gemacht habe, wo die Hörer also Fragen stellen konnten. Das fand ich spannend, aber es war ein enormer Aufwand.

(w.l.) Du hast berichtet, dass es eine Phase gab, in der SiM viel Kritik einstecken musste, so dass Du in der Folge Deine Privatsphäre sehr schützen wolltest. Worin bestand die Kritik, der SiM zeitweise ausgesetzt war? Welche Rolle haben dabei - und ggf. danach - die Erwartungen der Hörerinnen und Hörer gespielt?

(l.v.) Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr erinnern, worum es damals ging. Ich weiß nur, dass ich das Gefühl hatte, unter der Gürtellinie angegriffen zu werden. Für etwas kritisiert zu werden, das ich kostenlos in meiner Freizeit tat. Ich werde diese Art von Kritik auch nie verstehen - warum hören diese Hörer sich so etwas dann an, wenn sie es so schrecklich finden? Aber gut. Jedenfalls habe ich dann einige Wochen nicht mehr gepodcastet und nur durch die Initiative von Hörern wieder angefangen (die eine "SiM muss weitergehen"-Petition im Internet gestartet hatten).

(w.l.) Das verdeutlicht in zweierlei Hinsicht die Verbindung zwischen denen, die Podcasts machen, und denen, die sie hören. Du hattest immer einen guten Draht zu Deinen SiM-Hörerinnen und -Hörern. Zum Ende von SiM schreibst Du: "Ich werde Euch vermissen! Aber irgendwie fühlt Ihr Euch anonymer an als damals…" Ein ähnliches Phänomen ist auch bei anderen sozialen Medien, z. B. Twitter, wahrzunehmen: Es geht weniger "öffentlich sozial" zu als noch vor einigen Jahren. Viele individuelle, private Stimmen sind leiser geworden. Dafür werden diese Medien verstärkt von Institutionen genutzt. Der Dialog scheint auf der Strecke zu bleiben. Wie haben sich die Hörerinnen verändert? Sind sie einfach nur "erwachsen(er)" geworden?

(l.v.) Ich kann nur für meine Hörer sprechen: Sie sind passiver geworden. Zu Beginn, also die ersten Jahre lang, gab es einen regen Austausch über Kommentare, teilweise sogar über ein Forum. Ich bekam sogar Geschenke geschickt an Weihnachten und Plätzchen. Bitte nicht falsch verstehen: Ich habe nicht aufgehört, weil mir keiner mehr Plätzchen schickt. Aber ich hatte den Eindruck, in eine anonyme Masse reinzusprechen. Früher fühlte es sich mehr nach Familie an.

(w.l.) Haben sich die sozialen Medien insgesamt verändert? Sind sie heute weniger sozial?

(l.v.) Auch hier kann ich wieder nur für meinen eigenen Podcast sprechen: Ich glaube, dass soziale Interaktion heute auf Facebook zu Hause ist. Nicht mehr in den Kommentarfunktionen von Blogs oder Podcasts. Das mag anders sein bei Podcasts, die mehr polarisieren, die vielleicht auch technischere Themen haben, wo dann über die Sache diskutiert wird. Das war bei mir selten so. Jetzt zur letzten Folge waren sie aber alle wieder da in den Kommentaren, meine alte "Familie". Das hat sehr gut getan!

(w.l.) Die Communities - oder Familien - verändern sich in vielen Bereichen der Netzwelt. Ein weiterer Aspekt der Entwicklungen bei Podcasts können auch unsere Hörgewohnheiten sein. Bei der Musik vollzieht sich derzeit ein Wandel vom "eigenen" Tonträger über im Netz gekaufte Audiodateien hin zum Streaming. Abgesehen davon, dass sich die "Besitzverhältnisse" ändern, bringt das ggf. auch mehr Abwechslung mit sich. Neue Titel werden eher gehört, als wenn eine Datei oder gar ein Tonträger erworben werden muss.

Bei vielen Podcasts spielt deren "Profil" eine wichtige Rolle. Die werden zu einem bestimmten Zweck gehört. Das mag für Podcasts mit einer bestimmten thematischen Ausrichtung funktionieren. Bei Erzählpodcasts passt das evtl. nur bedingt. Du sprichst davon, dass der "tagebuchartige" Podcast sich nicht durchgesetzt hat. Wo siehst Du die Zukunft des Podcast(en)s und von "audio on demand" in Deutschland? Könnten Formate, die den Mix von verschiedenen Podcasts in den Vordergrund stellen - und dabei auch die Freiheit haben, selbstständig zu variieren - frischen Wind in die Podcast-Landschaft bringen?

(l.v.) Zu den Formaten: Also ich als Hörerin will natürlich wissen, worauf ich mich einlasse. Das stimmt. Aber bei der Wahl meiner Podcasts habe ich zwei Kriterien: Entweder mir sagt das Thema zu, oder der Mensch, der dahintersteckt. Wenn es um die Menschen geht, ist mir fast egal, worüber sie sprechen. Das war - glaube ich - auch der Erfolgsfaktor zu Beginn der Podcast-Zeit: Endlich wieder RICHTIGE Menschen, keine Moderationsmaschinen wie im formatierten Radio.

Zweiter Erfolgsfaktor war immer die Nische. Es gab die Bibel auf Klingonisch, es gab Podcasts über das Fliegenfischen und sonstige Hobbies - all das, was in den Massenmedien keinen Platz hat.

Mich wundert immer etwas, dass Podcasts eher weniger Interesse entfachen als früher, obwohl die technischen Hürden so viel niedriger geworden sind. Podcasts kann ich durch Apps streamen, da ist keine Synchronisation über Computer auf den MP3-Player mehr nötig. Dennoch bleiben sie für viele abstrakt.

(w.l.) SiM ist beendet. Zwei Themenpodcasts - nämlich "Slow German" für Deutschlernende und den "Kinderwahnsinn" mit Oliver Bertram - möchtest Du noch weiter betreiben, ansonsten aber mehr journalistisch tätig sein. Warum machst Du diese beiden Podcasts weiter?

(l.v.) Weil sie im Gegensatz zu SiM noch nicht auserzählt sind. Bei Slow German habe ich ein unglaubliches Feedback der Hörer weltweit, das macht richtig Spaß. Und beim Kinderwahnsinn wollen wir auf Video umsteigen und Eltern humorvolle Anleitung und Empfehlungen geben - das macht sicher auch uns Spaß. Und Spaß ist bei mir eben die Triebfeder. Spaß und Neugier.

(w.l.) Auf welches kommende Projekt - über das Du reden kannst/darfst/möchtest - freust Du Dich am meisten?

(l.v.) Es ist noch gar nichts spruchreif. Alles Berufliche entscheidet sich in den kommenden Wochen oder Monaten. In der Mache und bereits unterschrieben ist eine Zusammenarbeit mit Audible, dem Hörbuch-Download-Portal. Da sitze ich gerade dran. Ansonsten ist gerade auch eine Phase der Kreativität - ich treffe mich mit vielen netten Menschen einfach so mal zum Brainstorming, um zu sehen, was man alles machen könnte. Rumspinnen. Das liebe ich.

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